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Zum Abschied eine Mendelssohn-Uraufführung!
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KMD Prof. Jochen A. Modeß
mit Uraufführungspartitur -
der Meister schaut über die Schulter

Nach fünfundzwanzig Greifswalder Bachwochen unter seiner Leitung tritt KMD Prof. Jochen A. Modeß in den Ruhestand

1994 gestaltete Jochen A. Modeß als Künstlerischer Leiter die erste Greifswalder Bachwoche. Das Amt ist gemeinsam mit dem des Greifswalder Domkantors an die Professur für Chorleitung am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald gebunden. Alle drei Ämter hat der heute Dreiundsechzigjährige mit sprühendem Ideenreichtum und unerschöpflicher Lust am Gestalten ausgefüllt. Die 72. Greifswalder Bachwoche "MeMo" (4.-10.6.2018) wird wie die von 1994 neben der Musik Bachs vor allem die von Felix Mendelssohn Bartholdy präsentieren - "und ein wenig auch Modeß", wie der Festivalleiter und Komponist augenzwinkernd hinzufügt. Höhepunkt und Finale ist die Uraufführung eines so noch nie gespielten Werkes Mendelssohns: "Christus: Erde, Hölle, Himmel", das Modeß aus dem Fragment des unvollendeten dritten Oratoriums Mendelssohns vervollständigt hat.

1994 hatten Sie zum ersten Mal die künstlerische Leitung der Greifswalder Bachwoche inne. Welches Fazit ziehen Sie heute nach fast fünfundzwanzig Jahren Tätigkeit?

Die Bachwoche ist für mich und alle unsere Mitstreiter der Höhepunkt der jährlichen Arbeit. Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Festival nun ein Vierteljahrhundert begleiten und gestalten konnte. "Wenn es die Bachwoche nicht gäbe, müsste man sie erfinden" hat Annelise Pflugbeil, die Bachwochen-Mitgründerin, immer gesagt. Dem kann ich mich nur anschließen. Die Konzeption, Bach im Mittelpunkt zu haben und seine Werke immer wieder neu zu interpretieren, aber ihnen auch Kontraste mit Kompositionen anderer Komponisten gegenüberstellen zu können, habe ich sehr genossen. In den fünfundzwanzig Jahren meiner Festivalleitung haben wir viele neue Akzente setzen und das Spektrum der Veranstaltungsarten sehr erweitern können.

Dazu gehört auch, dass spontane Mitsängerinnen und -sänger die tägliche Bachkantate beim "Herzstück" der Bachwoche, den "Geistlichen Morgenmusiken", mitgestalten können. Wie sind Sie darauf gekommen?

Ich hatte da schon Vorerfahrungen aus meiner Kantorentätigkeit in Berlin und Bielefeld. In beiden Arbeitsstätten hatte ich erfolgreich das Weihnachtsoratorium zum Mitsingen und Mitspielen in sechs Gottesdiensten angeboten (so wie wir das dann zehnmal seit 1999 auch in Greifswald durchgeführt haben), in Bielefeld gestaltete ich im Bachjahr 1985 in jedem Monat einen Bachkantatengottesdienst im gleichen Modus. Die vorgefundene Bachwochenstruktur mit den Morgenmusiken musste ich dann mit der Mitsinge-Idee verknüpfen, was sowohl den singewilligen Besuchern als auch den schon gut ausgelasteten heimischen Chormitgliedern entgegenkam.

Die Bach-Kantaten für die Geistlichen Morgenmusiken haben Sie immer nach ihrem Bezug zum Bachwochen-Motto ausgewählt, letztes Jahr zum Reformationsjubiläum waren es Kantaten zu Luther-Chorälen. Wonach sind Sie diesmal vorgegangen?

Da gab es verschiedene Ansatzpunkte. Einerseits werden wir mit dem Kammerchor die Kantate 117 "Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut" singen in Reminiszenz an meine allererste Bachkantaten-Aufführung als Dirigent noch vor Studienzeiten. Dann habe ich Siegfried Pank eingeladen, einen Kantatenwunsch zu äußern. Professor Pank ist als Gambist der Bachwoche seit einem halben Jahrhundert verbunden! Zu diesem Jubiläum hat er sich die Aufführung der Kantate 76 gewünscht, in der der Gambenpart eine wichtige Rolle spielt. Die Kantate 76 ist eine der Psalm-Kantaten, deren Kopfsätze ich einmal in die "Jesusvesper" integriert habe. Dieses "Pendant" zur Marienvesper Monteverdis haben wir in der 67. Bachwoche aufgeführt. Das brachte mich auf die Idee, auch die anderen damals verwendeten Psalm-Kantaten in den Morgenmusiken aufzuführen. Darunter findet sich auch die Kantate 110 "Unser Mund sei voll Lachens", deren Eingangschor mich immer an seine Aufführung durch Helmuth Rilling und sein Ensemble beim ersten Festakt zur deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 erinnert und damit an das auch für mich lebensbestimmende Geschenk der deutschen Wiedervereinigung: "Der Herr hat Großes an uns getan!"

Auch die Kinderkonzerte der Domkinderchöre haben Sie ins Bachwochenprogramm eingeführt. Und wenn man Ihnen dabei als Mitwirkendem zusieht, haben Sie selbst den größten Spaß daran. Wie schwer fällt Ihnen der Abschied von diesen und Ihren anderen Chören?

Natürlich ist Abschied immer mit Wehmut verbunden und das Gefühl wird sich sicher noch steigern, wenn die Bachwoche hinter uns liegen wird. Im Moment sind wir ja in der Probenhochzeit des Jahres und ganz auf die Bachwoche focussiert. Der Abschied von den vielen singenden und mitarbeitenden Menschen, denen man durch die Musik freundschaftlich verbunden ist, fällt natürlich schwer. Und dass ich auch immer der Kinderchorarbeit besonders verbunden war und bin, ist auch richtig - Aber: Alles hat seine Zeit, und ich blicke auch gern nach vorn in eine Zeit mit mehr Freiheiten für eigene künstlerische Aktivitäten...

Über fünfundzwanzig Greifswalder Jahre hinweg haben Sie auch als sehr produktiver Komponist gewirkt. Einige Ihrer Werke werden bei dieser Bachwoche wieder zu hören sein. Auf welche freuen Sie sich am meisten?

Ein Komponist freut sich immer, wenn er seine Werke wieder hören kann, und das gilt natürlich für alle. Besonders schön ist es sicher, wenn Stücke zur Aufführung kommen können, die großen Aufwand verlangen. So freue ich mich besonders über die Orchesterstücke, die das Bachwochen-Orchester und das UniversitätsSinfonieOrchester spielen werden, und natürlich auch auf die Aufführung des Zyklus "Am Stadtrand von Greifswald" am ersten Bachwochenabend, bei dem es Musik in ganz verschiedenen Besetzungen zu 24 Bildern von Caspar David Friedrich gibt.

Sie folgen nicht nur als Komponist, sondern auch als - darf man das so nennen? - "Parodist" Bachs Beispiel: Bei dieser Bachwoche gibt es ein Werk Bachs und eines von Mendelssohn, die Sie in Anwendung von Bachs "Parodieverfahren" überhaupt erst geschaffen haben. Was wird da "parodiert" und zu welchem Zweck?

Die Bearbeitungs-Ansätze für die beiden Werke sind ein wenig verschieden: Die kleine Kyrie-Gloria-Missa in g-Moll habe ich zu einer vollständigen Messe erweitert und habe sie damit zu einem abendfüllenden Werk gestaltet. Dabei habe ich Bachs Parodieverfahren nachvollzogen, das er auch zur Gestaltung der h-Moll-Messe verwendet hat. Bei dem Oratorium "Christus" von Mendelssohn ging es darum, das nur als Fragment überkommene Stück zu einem im Umfang den beiden bekannten Mendelssohn-Oratorien ähnlichen Werk zu erweitern. Dabei musste - im Gegensatz zum selbstverständlichen Messetext bei Bach - erst einmal ein Libretto unterstellt werden (Erde, Hölle, Himmel). Und dann mussten im musikalischen Bereich die Techniken neben dem Parodie-Verfahren noch erweitert werden - ich werde das in meinem Vortrag in der Bachwoche erläutern...

"Bach und Mendelssohn" war das Motto Ihrer ersten Bachwoche. Beide Komponisten sind auch leitend für die letzte. Was verbindet Sie persönlich mit dem Werk Felix Mendelssohn Bartholdys?

Ich bin einfach ein Fan seiner Musik und liebe vor allem auch seine geistlichen Werke. Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass in meinem allerletzten Greifswalder Konzert am 2. September das Oratorium "Elias" zur Aufführung kommen wird. Ich bin fasziniert von dem, was Mendelssohn in den verschiedenen Facetten seiner Arbeit in seinem kurzen Leben vollbracht hat - nicht zuletzt mit der Wiederaufführung von Bachs Matthäus-Passion (der wir in dieser Bachwoche ja auch nachspüren).

Gab es überhaupt schon mal ein Oratorium, das sich ausdrücklich auch "Christi Höllenfahrt" gewidmet hat? Wie kam Mendelssohn auf diese Idee?

Es ist mir kein Werk bekannt, dass sich - jedenfalls in der von Mendelssohn geplanten Ausführlichkeit - der Höllenfahrt gewidmet hat. Die Idee stammt von Christian Karl Josias von Bunsen, der Mendelssohn entsprechende Libretto-Vorschläge gemacht hatte.

Seelische "Höllenfahrten" oder "Himmelfahrten" dürfte es bei fünfundzwanzig Bachwochenjahren etliche gegeben haben. Was ist mal richtig schiefgegangen und was hat auch mal ganz ungewöhnlich gut geklappt?

Im musikalischen Bereich ist uns sicher das Eine oder Andere besser oder auch einmal weniger gut gelungen - aber meistens waren wir doch mehr im "Himmelfahrtsbereich" (dafür sind wir sehr dankbar, es möge so bleiben!) Die "Höllenfahrten" sind für mich eher im Bereich organisatorischer und wirtschaftlicher Unabwägbarkeiten in Erinnerung: Schlechtwetterlage bei Open-Airs, unvorhergesehene Mehrkosten etc...

Sie sind in Greifswald in einer Person Universitätsprofessor für die Ausbildung von Kirchenmusikern, Domkantor am Dom St. Nikolai und Künstlerischer Leiter der Greifswalder Bachwoche. Müsste Ihr Tag nicht 72 Stunden haben?

Das wäre nicht schlecht und könnte dazu führen, dass es tatsächlich auch "Freizeit" gäbe?

Letzte Frage: Gibt es für einen Jochen A. Modeß überhaupt einen "Ruhestand"?

Ich hoffe, dass ich noch ein wenig künstlerisch arbeiten und meine Kompositionsbestände ordnen und besser edieren kann. Sollte sich dabei das Gefühl einstellen, dass der 24-Stunden-Tag dafür reicht, könnte ich das wohl schon als Ruhestand bezeichnen...

Die Fragen stellt Reinhard Lampe

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