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Was macht Jesus in der Hölle?
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Anastasis-Ikone
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Prof. Dr. Christfried Böttrich

Theologische Auskünfte zu einem überraschenden Motiv der 72. Greifswalder Bachwoche

Mendelssohns Christus-Oratorium in der Fassung von Jochen A. Modeß (Uraufführung am 10. Juni) wird auch von der "Höllenfahrt Christi" handeln. Die Idee dazu stammte vom preußischen Diplomaten und Universalgelehrten Christian Karl Josias von Bunsen, der Mendelssohn entsprechende Libretto-Vorschläge gemacht hatte. In der Bibel sucht man vergeblich danach. Dennoch spricht auch unser Glaubensbekenntnis von der "Höllenfahrt" ? in der modernen Fassung, Jesus Christus sei "hinabgestiegen in das Reich des Todes". Der Greifswalder Professor für Neues Testament Christfried Böttrich verrät, woher wir überhaupt davon wissen.

Herr Professor, im Glaubensbekenntnis sagen wir, Jesus Christus sei "hinabgestiegen in das Reich des Todes". Früher hieß es sogar einmal "in die Hölle". Was hat er da gemacht?

Das Glaubensbekenntnis lässt diese Frage offen. Es stellt lediglich fest: er ist wirklich gestorben - sein Tod führt ihn dorthin, wo alle anderen Toten auch sind. Die frühe Christenheit aber hat ihre ganze Phantasie aufgeboten, um dem Gedanken der "Grabesruhe" noch etwas mehr an Aktivität abzugewinnen. Christus "in der Unterwelt / im Reich des Todes" - das muss doch eine hoch dramatische Geschichte sein! Schließlich bleibt er ja nicht dort! Nun verbieten sich freilich alle Aussagen über das, was jenseits der Todesgrenze liegt. Deshalb schlussfolgern die Theologen der Alten Kirche nur ganz schlicht: Christus macht im "Reich des Todes" genau das, was er auch in Galiläa und Jerusalem gemacht hat: Er verkündigt das Evangelium. Und wenn er nicht in der Totenwelt bleibt, sondern wieder zu Gott erhöht wird, dann kann auch diese Totenwelt nicht mehr so bleiben, wie sie ist.

Wo finden wir solche Überlegungen? Die Evangelien berichten ja nur von Jesu Tod, Begräbnis und Auferstehung ...

Die Schriften des Neuen Testaments formulieren hier sehr zurückhaltend. In 1Petr 4,6 heißt es einmal, den Toten sei "das Evangelium verkündigt worden" (ohne dass jener Verkündiger direkt benannt würde), und 1Petr 3,18-22 weiß, dass Christus "den Geistern im Gefängnis gepredigt" habe (aber dahinter steht eine ganz andere Geschichte). Es sind erst die so genannten "apokryphen Evangelien", die bunt und plastisch von der "Höllenfahrt Christi" erzählen: im "Nikodemus-Evangelium" wird die Geschichte breit entfaltet, im "Petrus-Evangelium" wird sie kurz angedeutet. Beide Texte gehen bis in das 2. Jh. n. Chr. zurück; besonders das "Nikodemus-Evangelium" ist bis in das späte Mittelalter hinein weit verbreitet gewesen.

Was für Texte sind diese apokryphen Evangelien? Welchen Stellenwert hatten sie in der frühen Christenheit?

Zunächst muss sich klar machen: Trotz des irreführenden Begriffes "apokryph" (= verborgen) sind diese Evangelien niemals "Geheimliteratur" gewesen! Man konnte sie immer und jederzeit ungehindert lesen. Sie waren nur nicht so allgemein anerkannt wie die später "kanonisch gewordenen" Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Sie sind auch jünger als diese vier und versuchen häufig, Leerstellen in der Jesus-Christus-Geschichte zu füllen oder einzelne Themen fortzuschreiben. Jedenfalls bewahren sie kein älteres Wissen über Jesus auf - sondern sind im Gegenteil Zeugnisse der Frömmigkeitsgeschichte vom 2. Jh. n. Chr. an.

Wie ist die "Höllenfahrt Christi" in unser Glaubensbekenntnis gekommen?

Die Kapitel vom Abstieg Christ in das Reich des Todes, so wie sie im "Nikodemus-Evangelium" zu finden sind (EvNikod 17-27), muten zunächst sehr bizarr an. Die Leser und Leserinnen dürfen hier gleichsam einen Blick in die "Hölle" werfen. Der Text verfolgt aber ein durchaus achtbares theologisches Anliegen, das er nun in ein erzählerisches Gewand kleidet: Christus bleibt auch im Tode nicht passiv. Er dring gewaltsam in das Totenreich ein und überwindet den Tod selbst. Das wird durch zahlreiche Zitate aus dem Alten Testament untermauert und als Höhepunkt einer langen Hoffnungsgeschichte vorgestellt. In der Ostkirche hat man diesen Moment, in dem Christus die Tore des Hades zerschlägt und Adam und Eva befreit, zum Thema der "Anastasis" (der Osterikone) gemacht. Dieses Osterbild, das von allen Gläubigen verehrt wird, basiert ausschließlich auf dem apokryphen "Nikodemus-Evangelium"! Und vermutlich steht diese Erzählung eben auch schon im Hintergrund des Glaubensbekenntnisses - wenngleich der Satz "hinabgestiegen in das Reich des Todes" zunächst nur sagt: er war wirklich tot.

Wenn vom Abstieg "in das Reich des Todes" nichts in der Bibel steht, müssten wir diese Aussage nicht - gut lutherisch (sola scriptura!) - aus dem Glaubensbekenntnis streichen?

Die Bibel spricht von Tod und Auferstehung so, dass damit ein wirkliches, totales Ende und ein wirklicher, totaler Neubeginn gemeint sind. Nichts anderes formuliert auch das Glaubensbekenntnis - mit guten Recht! Die fromme Phantasie aber will noch etwas mehr wissen und geht deshalb über Bibel und Glaubensbekenntnis hinaus. Mendelssohn hat in seinem "Christus-Oratorium" das dramatische Potential dieser Erzählung vom "Höllenabstieg" sofort erkannt. Aus einem schlichten Glaubenssatz kann man nicht viel machen. Aber Christus, der die Höllen-Tore zerschlägt und als Befreier in eine verschlossene, lebensfeindliche Welt eindringt - was für ein Stoff für einen Komponisten!

Umgekehrt gefragt: Nach diesen alten Überlieferungen hat Jesus die Mächte der Hölle besiegt. Gibt es die Hölle dann überhaupt noch?

Das Reich des Todes bleibt eine Realität. Die "Hölle" mit ihren Qualen und Teufeln ist hingegen ein Phantasieprodukt des Mittelalters. Das Evangelium als "frohe Botschaft" ist vor allem daran interessiert, dass mit Christus die Hoffnung auf neues Leben Wirklichkeit wird. Über den Tod spotten der Prophet Hosea und der Apostel Paulus unisono: "Tod wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?" Genau da liegt der Zielpunkt der biblischen Geschichte, so ist das Glaubensbekenntnis angelegt - und darauf läuft auch Mendelssohns "Christus-Oratorium" hinaus.

Die Fragen stellte Reinhard Lampe

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