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Klanggrenzen überschreiten - im Angesicht der Schöpferin
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Elsbeth Moser - Bayan

Konzert für Bayan und Violoncello in St. Josef

Man meint Atmen und Seufzen zu hören, dann folgt ein furioser Klangteppich, darauf höchst differenzierte Läufe und Akkorde. Es ist kaum zu glauben, dass es sich um ein einziges Instrument handelt, dass da erklingt. "Virtuos" wäre eine zu einseitige Beschreibung für das Spiel, das die Schweizerin Elsbeth Moser in der gut gefüllten katholischen Pfarrkirche St. Josef entfesselt. Denn die nicht für möglich gehaltene Virtuosität der Musikerin auf dem im "ernsten" Konzertbetrieb ganz ungewöhnlichen Bayan - dem volkstümlichen russischen Knopfakkordeon - steht nur dem Eigentlichen dieser Klangwelten zu Dienste: Dem tiefen Ausdruck von Schmerz, von Verzweiflung, aber auch von Frieden in den eigens für dieses Instrument geschaffenen Werken der russischen Gegenwartskomponistin Sofia Gubaidulina. Die Werktitel lassen die religiöse Weite der Musik erkennen: "De Profundis", so beginnt der Klageschrei aus dem 130 Psalm: "Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu Dir.", und "In Croce", das Bild des Kreuzesleidens Jesu.

Elsbeth Moser hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Bayan nicht länger als pures Folklore-Instrument gilt, sondern für die Neue Musik entdeckt wurde. Seit 1983 lehrt die Professorin an der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Mit Sofia Gubaidulina verbindet sie eine langjährige Freundschaft. Die westliche Erstaufführung der "Sieben Worte" Gubaidulinas auf Gidon Kremers österreichischem Kammermusikfest Lockenhaus brachte Elsbeth Moser und ihrem Instrument den internationalen Durchbruch.

Die 79jährige Gubaidulina ist Gast der 64. Greifswalder Bachwoche, als deren Schluss- und Höhepunkt ihr "opus summum", die "Passion Jesu Christi nach Johannes" aufgeführt wird. Für den Besucher des dagegen vergleichsweise intimen Konzertes am Samstagabend ist es ein geradezu historischer Moment, wenn er bei der ergreifenden Interpretation der Werke Gubaidulinas durch Elsbeth Moser - zunächst solo ("De profundis" aus dem Jahre 1978), dann, begleitet vom Cellisten Nicolas Altstaedt, im Duo ("In Croce" von 1992) - die im Querschiff sitzende Komponistin sieht, die, leicht nach vorn gebeugt, überaus konzentriert, mit lautlos sprechenden Lippen der Aufführung ihrer Musik folgt. Da stellt sich eine Ahnung ein vom Schaffensprozess, vom Überschreiten klanglicher Grenzen, erst in der Einsamkeit des Komponierens, dann im Abenteuer der Aufführung durch andere, die sich diese Musik aneignen und interpretieren.

Beim gegenseitigen Dank beider unter jeweils heftigem Applaus des begeisterten Publikums wird deutlich, wie gut hier Komponistin und Interpretin einander verstehen. Der jugendlich-dynamisch aufspielende Cellist Nicolas Altstaedt ist dafür der ideale Dritte im Bunde.

Die Werke Gubaidulinas wurden ergänzt durch die ebenso großartige Interpretation von Kompositionen Guillaume de Machauts (um 1300-1377) und Johann Sebastian Bachs (1685-1750) - ein überaus gelungener musikalischer Brückenschlag zwischen Mittelalter, Barock und Moderne.

Reinhard Lampe

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