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Russische Musik von polnischen Künstlern aus pommerscher Metropole
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Camerata Nova Szczecin interpretiert russische Sakralmusik

Es ist schon eine Besonderheit, wenn man im Programmheft der Greifswalder Bachwoche beim Konzert eines führenden polnischen Chor- und Instrumentalensembles jede Menge russischer Texte (in kyrillischer Schrift!) nachlesen kann. Aber die Camerata Nova Szczecin steht schon immer geradezu symbolisch für den Brückenschlag über Epochen und Kulturen hinweg. Hat das 1984 gegründete Ensemble aus knapp fünfzig Sängern und Instrumentalisten doch seinen Sitz im Schloss der Pommerschen Herzöge in Stettin! Ensembleleiter Eugeniusz Kus war sogar bis Ende 2007 Direktor des Schlosses, also so etwas wie legitimer Nachfolger der Pommernfürsten.

Der Verbindung von Erbe und Moderne verpflichtet hat sich das von ihm gegründete Ensemble zwar auf Barockmusik spezialisiert, feiert zugleich aber Erfolge mit Aufführungen moderner Musik. Hoch geschätzt sind seine Interpretationen der Kantaten und Oratorien von Bach, Vivaldi oder Corelli. Dazu kommen aber auch Uraufführungen von Werken zeitgenössischen Stettiner Komponisten. Camerata Nova Szczecin ist international begehrt und ständiger Gast auf Musikfestivals in Österreich, Frankreich, Spanien, Deutschland und der Schweiz - und bei der Greifswalder Bachwoche! Ein deutliches Zeichen für den grenzüberschreitenden kulturellen Austausch zwischen der alten pommerschen und der heutigen vorpommerschen Metropole und hoffentlich ein Argument mehr für die Bewerbung Stettins als europäische Kulturhauptstadt 2016. Wer weiß, vielleicht gehört dann auch die Greifswalder Bachwoche zum Kulturhauptstadtprogramm!

Im Chorkonzert der Camerata Nova Szczecin am Donnerstag, 3. Juni, 20 Uhr, im Greifswalder Dom St. Nikolai stehen Bachs Motette "Lobet den Herrn, alle Heiden" nicht nur drei Generationen russischer Kirchenmusik gegenüber, sondern mit Stundengebet (Rachmaninoffs "Ganznächtliche Vigil" - russisch) und Messe (Gretchaninoffs "Missa festiva" - lateinisch) auch unterschiedliche Formen der Liturgie. Dass sich russisch-orthodoxe und römisch-katholische Frömmigkeit polnischer Provinienz auch sonst so fern nicht sind, zeigt sich an der in beiden Konfessionsfamilien gleichermaßen hoch geschätzten Marienverehrung, zu hören etwa im "Sei gegrüßt, Jungfrau Mutter Gottes" (Ave Maria) von Sergej Rachmaninoff (1873-1943). Trotz aller musikalischen Kontraste lassen sich sogar Verbindungslinien zur evangelischen Kirchenmusik ziehen: Wurde die geistliche Vokalmusik Bachs nach der spektakulären Wiederentdeckung der "Matthäus-Passion" 1829 (ebenfalls bei dieser Bachwoche zu erleben am Dienstag, 1. Juni, 20 Uhr, Dom St. Nikolai) bedeutsam für eine Restauration der evangelischen Kirchenmusik, so gilt dies auch für die Chormusik von Dmitrij Bortnjanskij (1751-1825). Dessen Chormusik (zur Aufführung kommt "Concerto No. 21 'Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt'" nach Psalm 91) galt im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts bei uns in Norddeutschland als das Ideal einer "edle Einfachheit" verkörpernden, gleichermaßen wirkungsvollen wie allgemeinverständlichen Kirchenmusik.

28. 5. 2010 gez. R. Lampe

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