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Bachwochen-Wochenende: Umstrittene Morgen-Kantaten, Aeneis getanzt, Rostocker Motettenchor, Verdi-Requiem, jazziger Bach, Mitternachtsorgelkonzert, Wiecker Kammermusik und Finale mit Monteverdis Marienvesper
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Christine Wolff

Die Bachkantaten der Geistlichen Morgenmusik am Samstag, 1.6., 10 Uhr, in St. Marien, und die des Festgottesdienstes, Sonntag, 2.6., 10 Uhr, im Dom St. Nikolai, sind in der Nachwelt nicht ohne - teils heftige - Kritik geblieben:


Für die am Samstag aufgeführte Osterkantate zum dritten Ostertag "Ein Herz, das seinen Jesum lebend weiß" BWV 134, die auf eine Köthener Neujahrskantate aus dem Jahr 1719 zurückgeht und 1724 - mit neuem Text versehen - erstmals von Bach im Leipziger Gottesdienst aufgeführt wurde, hatte Albert Schweitzer nur ein vernichtendes Urteil übrig: "Schade um die schöne Musik, die durch eine barbarische Textunterlegung unmöglich gemacht wird!" Da hat der Friedensnobelpreisträger wohl unrecht. Der weltlichen Vorlage sind zwar das Fehlen von Bibelwort und Choral geschuldet, auch ein Bibelwortchor am Anfang fehlt. Martin Petzold stellt aber in seinem großen Kommentar zu Bachs Kantaten dar, dass gerade der Text eine kunstvolle bibeltheologische Gesamtkonzeption der Kantate erkennen lässt. Der unbekannte Dichter hat nach dem einleitenden ersten Rezitativsatz, in dem benannt wird, was im Folgenden zu besingen ist (des "Heilands Preis"), einen symmetrischen Aufbau gewählt: Satz 2 (Dem lebenden Heiland sollen die Gläubigen singen) entspricht Satz 6 (Dem lebenden Heiland sollen auch Himmel und Erde singen), Satz 3 (Jesu Dornenkrone erwirbt die Siegeskrone ewigen Lebens) entspricht Satz 5 (Jesu Auferstehung gibt Leben trotz zeitlichen Todes) und mit Bezug zum Tagesevangelium Lk 24,36-47 wird im zentralen 4. Satz (Der lebende Heiland erscheint, tröstet und stärkt die streitende Kirche) mit dem musikalischen "Tumultmotiv" der Violinen sowohl der Kampf auf Tod und Leben besungen, aus dem Christus als Sieger hervorgeht, als auch der konfliktträchtige Verkündigungsauftrag, den der Auferstandene seiner Kirche erteilt: "Fangt an in Jerusalem, und seid dafür Zeugen." (Lk 24,47f.) (Mitwirkende: Predigt: Pröpstin Helga Ruch, Pröpstin der Propstei Stralsund des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises; Wilfried Koball, Orgel; Bogna Bartosz, Alt; Ulrich Cordes, Tenor; Helga Günther, Orgelcontinuo; Kantorei St. Marien; Orchester der Greifswalder Bachwoche; Leitung: Silvia Treuer)


Im Anschluss an die Morgenmusik laden die Mariengemeinde und der Förderverein der Marienkirche zu einem Brunch in der Eingangshalle der Kirche ein. Es wird dabei um eine Spende gebeten, die der Dachsanierung von St. Marien zugute kommt.


Als Textdichter der zweiteiligen Kantate "Ich hatte viel Bekümmernis" BWV 21 , die im sonntäglichen Festgottesdienst aufgeführt wird, wird allgemein Salomon Franck angenommen, dessen Text wegen einer Vielzahl eingeflochtener Bibelwortsätze im Vergleich zur modernen italienischen Form "ausgesprochen altertümlich" (Alfred Dürr) anmutet: Satz 2: Ps 94,19; Satz 6: Ps 42,12; Satz 9: Ps 116, 7, eingebettet in zwei Choralstrophen von "Wer nur den lieben Gott lässt walten" (EG 369); Satz 11: Offb 5, 10-13 und 19,4. Der Theologe und Dichter Erdmann Neumeister, dessen "moderne" Kantatentexte viele Komponisten der Zeit wie Telemann und Bach vertonten, hätte am liebsten ganz auf Bibeltexte, Choräle und Chöre verzichtet und nur Rezitative und Arien in freier Dichtung verwendet, konnte sich damit aber nicht durchsetzen und gab diesen Elementen wieder ein "bescheidenes Plätzlein" in seinen Werken, wie Albert Schweitzer anmerkt. Bach habe Neumeister zwar als "wirklichen Dichter" verehrt, habe aber wohl doch eher eine Vorliebe für dessen Konkurrenten Salomon Franck gehabt, "weil er sich durch die Mystik und die lebendige Naturpoesie, die er bei ihm fand, angezogen fühlte. Auch mochte er es wohl als angenehm empfinden, dass Franck mehr Bibelverse verwandte als Neumeister und die anderen." Dennoch ist auch in dieser Kantate der italienische Einfluss unverkennbar, z.B. durch das Thema des Eingangschores, das Bach wohl Vivaldis d-Moll-Konzert op. 3, Nr. 11 entnommen hat, das er auch für die Orgel bearbeitete. Ebenso ist der dramatische Dialog der Seele (Sopran) mit Jesus (Bass) in den ersten beiden Sätzen des zweiten Teils (Satz 7 und 8) in seiner "leidenschaftlichen Wärme nur wenig von den weltlichen Liebesduetten in den Opern jener Zeit" entfernt (Alfred Dürr), was u.a. der große Bach-Biograf des 19. Jahrhunderts, Philipp Spitta, als "in einer fast peinlichen Weise zugespitzt" empfand. Ausgerechnet Albert Schweitzer, der den italienischen Opernformen in der Kirchenmusik sonst überaus kritisch gegenübersteht, wird hier zum glühenden Verteidiger Bachs und Francks: "Unbegründete Angst! Wer von kirchenmusikalischer Prüderie frei ist, hat seine Wonne an diesem flammend dramatischen Stück und ist ergriffen von dem Zwiegespräche der Seele mit ihrem Tröster. Solange das Hohelied in der Bibel steht, ist seine Gleichnissprache in der geistlichen Tonkunst nicht zu verbieten."


Mitwirkende: Predigt: Bischof Dr. Hans-Jürgen Abromeit, Greifswald; Liturgie: Pfarrer Matthias Gürtler; Frank Dittmer, Orgel; Christine Wolff, Sopran; Ulrich Cordes, Tenor; Johannes Happel, Bass; Helga Günther, Orgelcontinuo; Chor und Orchester der Greifswalder Bachwoche; Leitung: Jochen A. Modeß. Im Anschluss an den Gottesdienst lädt die Domgemeinde zum Kirchenkaffee ein.


Ein Solistin dieser Aufführung hat während der Bachwoche schon etliche Solopartien gesungen und wird am Wochenende ebenfalls noch heftig beschäftigt sein: Christine Wolff:


Schon seit ihrer Studienzeit an der Musikhochschule Leipzig ist die Greifswalder Bachwoche für Christine Wolff ein ganz besonderer Ort für Sängerinnen und Sänger. Jetzt kehrt die mittlerweile als Kammersängerin geehrte und auf den Konzertpodien von Paris bis Moskau und von Mailand bis Barcelona gefragte Sopranistin wieder nach Greifswald zurück - und gleich im solistischen Dauereinsatz: So am Wochenende noch beim Festgottesdienst, bei Verdis großem "Requiem" (Samstag, 20 Uhr, Dom St. Nikolai) und bei Claudio Monteverdis "Marienvesper" zum Finale der Bachwoche am Sonntag, 20 Uhr, Dom St. Nikolai. Dieses Werk war für Christine Wolff ein Schlüsselerlebnis, das sie veranlasste, sich der Historischen Aufführungspraxis zuzuwenden und ihren ganz eigenen Zugang zum Gesang zu finden: "Warum singe ich denn? Weil ich Menschen berühren möchte. Deshalb favorisiere ich einen natürlichen Stimmklang." In Opernaufführungen und Liederabenden quäle es sie regelrecht, "wenn sich Sänger mit gekünsteltem, unnatürlichem Gesang abmühen." Deshalb, und weil sie Gesang und Musik so sehr liebt, sucht sie konsequent nach einem Weg, "so natürlich und klangschön wie nur möglich zu singen", erst recht bei einem Gesangsmarathon wie der Bachwoche. Aber auch anderen möchte sie helfen, diese "Einfachheit des Singens" zu entdecken. Als Gesangspädagogin gibt sie u.a. Chorseminare, bei denen sie "lebenslanges gesundes Singen" vermittelt. Überhaupt möchte sie gern mehr Menschen zum Singen anregen: "Singen ist eine Lebensäußerung, wie Lachen, Weinen, Rufen, Sprechen!" Deshalb findet es Christine Wolff wunderbar, dass die Bachwoche durch täglich angebotene Mitsingprojekte alle, die möchten, als Chorsänger an der Aufführung der Bachkantaten in den Geistlichen Morgenmusiken beteiligt - "ein schönes Gefühl, statt den Künstlern nur zuzuhören, selbst mitzusingen und in sakralem Raum miteinander in Einklang zu sein."


Am Samstag gibt es im Dom St. Nikolai um 12 Uhr die erneute Auflage des berührenden Jugend-Tanz-Theaters der Greifswalder Bachwoche, in diesem Jahr zum letzten Mal in der inspirierenden Choreografie der Ballettmeisterin des Theaters Vorpommern, Sabrina Sadowska. Sie wird demnächst eine neue Aufgabe in Chemnitz übernehmen. Ihre Abschiedsarbeit für die Bachwoche widmet sich der römischen Mythologie: "Aeneas - Flucht nach Italien" - Frei nach Vergil.


Aus welch nichtigen Anlässen mitunter Kriege vom Zaune gebrochen werden, zeigt der Trojanische Krieg: Als der trojanische Königssohn Paris den Streit dreier Göttinnen schlichten soll, welche die schönste sei, lässt er sich von Venus bestechen. Sie bietet ihm die Liebe der schönsten Frau der Welt. Diese schönste Sterbliche, Helena, war jedoch bereits mit Menelaos, dem mächtigen König von Sparta, verheiratet. Der zur Erfüllung notwendige Raub der Helena löste den Trojanischen Krieg aus. Welche ungeahnten Folgen Kriege haben können, zeigt die Geschichte eines anderen Sprosses des trojanischen Königsgeschlechtes, der eben jene Liebesgöttin Venus zur Mutter hatte, die ursächlich den Trojanischen Krieg mit ausgelöst hat: Aeneas. Seine Flucht aus dem untergehenden Troja und seine Irrfahrt über das Meer wird zur vielbesungenen mythischen Vorgeschichte Roms, und - in der "Aeneis" des Vergil - zu einer packenden Geschichte der Intrigen zweier Göttinnen: Venus als Beschützerin des Aeneas (mit dem Wohlwollen Jupiters der Größeres, nämlich die Gründung Roms, mit ihm vorhat), und Juno, Jupiters eifersüchtige Gemahlin, als Aeneas' Feindin. Von Juno mit schrecklichen Stürmen verfolgt, legen Aeneas und die Seinen, darunter sein Sohn Iunus, im neu gegründeten Karthago an, wo Aeneas dessen Königin Dido kennenlernt. Seine Mutter Venus möchte weitere Irrfahrten verhindern und sorgt deshalb dafür, dass sich Dido in den Gast verliebt. Aber der Götterbote Merkur ermahnt Aeneas im Auftrag Jupiters, nach Italien aufzubrechen. Als dieser gehorcht und sofort abreist, tötet sich die verlassene Dido. Auf Sizilien eingetroffen, führt bei einer Feierlichkeit zum Gedenken an Aeneas' verstorbenen Vater Anchises eine durch Junos Einfluss ausgelöste Massenhysterie zur Feuersbrunst auf der Flotte. Nur mit wenigen Schiffen und den tapfersten Männern kann Aeneas weiterreisen. An der Westküste Italiens angekommen, steigt Aeneas in die Unterwelt hinab, um sich väterlichen Rat zu holen, Dort erfährt er durch Anchises von der künftigen Größe und dem Geschichtsauftrag Roms, der Stadt, die aus ihm hervorgehen wird. Von Latinus, dem König von Latium, wird Aeneas freundlich aufgenommen und wirbt um dessen Tochter Lavinia. Sie schenkt ihm den Sohn Silvius. Auf Junos Tipp hin werden bei einer Abwesenheit des Aeneas seine zurückgebliebenen Gefährten angegriffen. In einer Götterversammlung sorgt Jupiter dafür, dass sich die Götter aus dem Kampf heraushalten. Der zurückkehrende Aeneas und seine Gefährten obsiegen. In seinem letzten Kampf wird Aeneas wie Herakles in den Himmel versetzt und schließlich selbst zum Gott erklärt. Später gründet Aeneas' Sohn Iulus die "Mutterstadt" Roms Alba Longa. Auf ihn und die mythologische Abstammung von der Liebesgöttin berufen sich auch die Julier, bis hin zu Gaius Julius Caesar und seinem Adoptivsohn Octavian. Silvius soll nach Vergil Nachfolger seines Bruders in Alba gewesen sein. Aus Iulus' und Silvius' Geschlecht stammten schließlich die Zwillingsbrüder Romulus und Remus ab, die Gründer Roms; durch sie galt Aeneas als Ahnherr des römischen Volkes. Große Geschichte Italiens wie auch Europas - anrührend getanzt von Greifswalder Jugendlichen unter Leitung von Sabrina Sadowska. Dazu erklingt Musik u.a. von Vivaldi, Rossini, Telemann, Bach und Händel. Mitwirkende: Schülerinnen und Schüler der Klasse 7A des Alexander-von Humboldt-Gymnasiums und der 11. Klasse des Fachgymnasiums Greifswald; Sabrina Sadowska, Choreografie und Inszenierung; Orchester der Greifswalder Bachwoche; Jochen A. Modeß, Leitung.


Ein besonderer norddeutscher Klangkörper ist am Samstag, um 16 Uhr, in St. Marien zu Gast: Der Rostocker Motettenchor unter Leitung von KMD Prof. Markus Johannes Langer, beim Chorkonzert "Bach und Italien". Es erklingen Werke von Johann Sebastian Bach (u.a. die Motette "Jesu meine Freude"), Giovanni Pierluigi da Palestrina, Domenico Scarlatti, Gioacchino Rossini, Giuseppe Verdi ("Ave Maria") Die Bachwoche freut sich auf ein Motettenprogramm des Rostocker Motettenchors zum Bachwochenthema: Italienische Komponisten, auf die Bach sich bezieht. Dann der Meister selbst. Dann italienische Komponisten, die von Bach inspiriert wurden ... Dazu bereichert Orgelmusik von Bach und Frescobaldi das Programm. (Mitwirkende: Rostocker Motettenchor; Frank Dittmer, Orgel; Leitung: Markus Johannes Langer)


Höhepunkt am Samstagabend ist im Dom St. Nikolai um 20 Uhr Giuseppe Verdis "Messa da Requiem". Die im April 1874 vollendete Messa da Requiem ist sicherlich einer der dramatischsten Beiträge zur Gattung der Totenmesse überhaupt. Schon von den Zeitgenossen wurde sie als "Oper im Kirchengewande" bezeichnet - obwohl er keinerlei Formen aus der Oper verwendet hat. Allerdings gestaltete er den Text vollkommen aus dramatischem Geist heraus und dies mit modernsten Mitteln. Sein Ziel war es, den latenten szenischen Gehalt der Texte wirksam werden zu lassen und die darin enthaltenen Emotionen bedingungslos freizusetzen. Besonders eindrücklich unter den sieben Sätzen des Requiems sind in dieser Hinsicht die den Tag des Jüngsten Gerichts heraufbeschwörende Sequenz "Dies irae" und das Totengebet "Libera me". Hier fokussiert Verdi klar den unfassbaren Schrecken, den der Tod für alle Lebenden besitzt. Bereits durch den Wechsel von Chor-, Ensemble- und Soloszenen entsteht eine dramatische Anlage, die überaus effektvoll durch die Instrumentation in Szene gesetzt wird: von das Weltgericht ankündigenden Bläserfanfaren im "Tuba mirum" über flirrende Gestik der Streicher und Holzbläser im "Sanctus" bis hin zur mit äußerster Schroffheit im "Libera me" gesteigerten Fuge.


Mitwirkende: Christine Wolff , Sopran; Bogna Bartosz, Alt; Andr? Khamasmie, Tenor; Johannes Happel, Bass; Greifswalder Domchor; Kantorei Demmin (Einstudierung: Thomas K. Beck); Orchester der Greifswalder Bachwoche; Jochen A. Modeß, Leitung.


Ganz andere Töne gibt es ab 22 Uhr in St. Jacobi mit "Falk & Sons - Celebrate Bach"! Wären Sie drauf gekommen, dass jemand, der als erfolgreicher Produzent (u.a. für PUR, Patricia Kaas, Roger Chapman, Paul Young und Daliah Lavi) über 20 Millionen CDs verkauft hat, der allein fünf Mal für den bedeutendsten deutschen Musikpreis ECHO nominiert war, der zwei Jahre lang in der Pro7-"Popstars"-Jury neben Nina Hagen saß und der die offizielle Jubiläums-Hymne zum 100. Geburtstag von Borussia Dortmund komponiert hat, dass der von Beruf Kirchenmusiker ist? Für Dieter Falk geht das alles sehr gut zusammen. Beispiel: 2007 veröffentlichte er eines der erfolgreichsten Instrumentalalben der letzten Jahre (40.000 verkaufte CDs) mit - Chorälen! "A Tribute to Paul Gerhardt" präsentierte bekannte Paul-Gerhardt-Lieder im Stil von Norah Jones und Bruce Hornsby. Da scheint der Schritt zum nächsten Erfolgsalbum nur folgerichtig gewesen zu sein: "Celebrate Bach!", das mittlerweile mit dem Jazz- Award ausgezeichnet wurde. Und wie beim Familienmenschen Bach musiziert auch hier der Meister mit seinen begabten Söhnen Max (18, Drums) und Paul (16, Keyboards & Vocals). Im Live-Konzert ist diese ungewöhnliche "Boy Band" sowieso unschlagbar. Nicht nur wegen Bachscher Ohrwürmer wie "Badinerie" und "Air", sondern auch weil Stimmbänder und Lachmuskeln der Zuhörer schwer strapaziert werden. Mitwirkende: "Falk & Sons" mit Dieter, Max und Paul Falk.


Auch am Wochenende gibt es einen musikalischen Höhepunkt zur Mitte der Nacht im Dom St. Nikolai um 24 Uhr: Das Orgelkonzert "Bach und Italien" mit dem italienischen Organisten Ruggero Livieri. Dieser ist Organist des Collegio Don Mazza (Padua, Italien) , Leiter der Klasse für Orgelspiel und Orgelkomposition am Konservatorium von Castelfranco Veneto und gehört zu den führenden italienischen Organisten. Er ist Preisträger wichtiger Wettbewerbe, international gefragter Orgelsolist und Improvisator und hat an mehreren bedeutenden Konservatorien Italiens gelehrt. Für das Nachtkonzert im Dom St. Nikolai hat er ein besonderes Programm zusammengestellt, das einerseits Bachs Verbindungen nach Italien herausstellt, etwa in Kompositionen über Themen seiner italienischen Kollegen, andererseits die Nacht zum Thema hat: Arcangelo Corellis Concerto grosso für die Heilige Nacht (in einer eigenen Bearbeitung) sowie den "Chant du soir" des italienischen Komponisten Marco Enrico Bossi. Dazu erklingt auf der Domorgel weitere italienische Musik in Original und Bearbeitung. Mit eigenen Improvisationen wird Ruggero Livieri das Nachtkonzert beschließen.


Nach dem Festgottesdienst am Sonntag kommt im Konferenzraum der Universität um 12 Uhr bereits der Abend in den Blick mit dem Vortrag des Greifswalder Musikwissenschaftlers Prof. Dr. Walter Werbeck zur Frage: Kirchenmusik oder geistliche Oper? Bemerkungen zu Monteverdis "Marienvesper". Um 1600, mit dem Beginn des musikalischen Barock, weicht die bisherige Einheit der Musik bzw. des Komponierens von Musik einer Mehrheit verschiedener Schreibarten bzw. Stile: Man komponiert Musik nun entweder im Kirchenstil, im Kammerstil oder im Theaterstil. Theaterstil - das meint die ganz neue Oper, der Kammerstil gilt für Kantaten oder Vokalkonzerte, und der Kirchenstil für die liturgische Musik. Hier dominieren die althergebrachten Techniken des vielstimmigen Kontrapunkts in polyphonen Sätzen, während im Kammer- und vor allem im Theaterstil größere Freiheiten möglich sind. Aber nicht alle Komponisten haben sich streng an diese Stilbestimmungen gehalten. Sie verpflanzten die moderne Generalbass-Schreibweise in die Kirche, ohne freilich den alten Kontrapunkt zu vernachlässigen. Die Muster dafür lieferten die Italiener Lodovico Viadana und Claudio Monteverdi. Dessen "Marienvesper" von 1610 ist Kirchenmusik, enthält aber neben traditionell gearbeiteten Stücken auch moderne, theatralische. Und der Reiz der Musik liegt nicht zuletzt in der Art, wie Monteverdi Tradition und Moderne zu mischen versteht.


Der Nachmittag bietet ein besonderes Kammerkonzert, um 16 Uhr, in der Kirche Greifswald-Wieck: MIA VITA - Der Einigkeit im Paradiese ein süßes Willkommen. Wer Bachs "Italienisches Konzert" in dieser Bachwoche schon gehört hat, entweder in der Originalfassung beim Begegnungsabend am Dienstag oder in der mit heiterem Text unterlegten Fassung des Kinderkonzertes am Donnerstag, kann es hier in einer klanglich ganz eigenen Form noch einmal erleben, als Bearbeitung für Viola da gamba und Laute. Die intime Form dieses Musizierens entspricht dem Tenor der Gesänge und Texte, die dargeboten werden: Es geht um die stärkende Natur des Glaubens an die Liebe: "Welch neue Welt ist dies, welch Unendlichkeit, welch Paradies dort, wo ich Deinen wunderbaren Zauber aufsteigen fühle, wo ich in anderem, neuem Lichte das Leben durchmesse. Wo ich mein irdisches Los und seine bittere Wahrheit völlig vergesse?" heißt es im Text des italienischen Dichters Giacomo Leopardi, der Anfang des 19. Jahrhunderts entscheidend zur Erneuerung der italienischen Literatursprache beitrug. Leopardi selbst war unglücklich verliebt, in eine lebenslustige Florentinerin, die seine Liebe nie erwiderte. Entsprechend singen auch die italienischen Arien und Lieder des 16. Jahrhunderts vornehmlich von der unerfüllten, schmerzlichen Liebe - und lassen doch auch immer wieder Zuversicht und Hoffnung anklingen, über den Abschied hinaus. Mitwirkende: Brita Rehsöft, Sopran; Siegfried Pank, Gambe; Andreas Düker, Theorbe und Laute.


Das festliche große Bachwochenfinale wird um 20 Uhr im Dom St. Nikolai zelebriert: Claudio Monteverdi - "Vespro della beata vergine" (Marienvesper, 1610).


Als Claudio Monteverdi seine Marienvesper zusammen mit der Missa in illo tempore im Jahr 1610 im Druck herausgab, nannte er das Werk "Messe der Heiligsten Jungfrau zu sechs Stimmen für Kirchenchöre, und Vesper für mehrere Stimmen mit einigen geistlichen Gesängen, für Kapellen oder Fürstengemächer geeignet". Der bekannte Titel "Vespro della Beata Vergine" erscheint im Stimmheft des Generalbasses. Offenbar war es Monteverdi wichtig, auf die vielfältigen Aufführungsmöglichkeiten hinzuweisen - denn der Form nach erfüllen die Einzelsätze, bestehend aus einem Invitatorium, fünf Psalmen, einem Hymnus und einem Magnificat, eindeutig die Vorgaben einer Vespermusik. Dazu stellte Monteverdi einige Concerti, damals hochmoderne geistliche Konzerte, die mit ihren Texten die heilsgeschichtliche Bedeutung Marias nacherzählen. Ob diese Sätze tatsächlich für die Verwendung bei einer Vesper bestimmt waren, oder ob sie ausschließlich in der "Kammer" musiziert werden sollten, ist umstritten. Als Ganzes aufgeführt bietet die Marienvesper ein äußerst abwechslungsreiches, von unterschiedlichen Kompositionstechniken geprägtes Hörerlebnis, von zarten solistischen Abschnitten bis hin zur großangelegten Doppelchörigkeit. Mitwirkende: Christine Wolff und Felizia Frenzel, Sopran; Ulrich Cordes und Benjamin Kirchner, Tenor; Johannes Happel, Bass; Domkinderchor Greifswald; Greifswalder Domchor; greifvocal; Jugendkantorei und Kantorei Demmin (Einstudierung: Thomas K. Beck); Kammerchor des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaft; Musica Baltica; Leitung: Jochen A. Modeß.

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