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Bachwochen-Freitag: Morgenmusik mit Kantaten-"Parodie", Kirche und Theater?, Rossini-Messe, Große Kammermusik, Nachtgebet mit Bach-Sohn und Finale des Cello-Mitternachtssolos
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Gregor Szramek
Violoncello

Nach der regelmäßigen kurzen Einführung in die Bachkantate des Tages um 9.45 Uhr erklingt im Dom St. Nikolai um 10 Uhr zur Geistlichen Morgenmusik die Kantate "Erfreut euch, ihr Herzen" BWV 66 von Johann Sebastian Bach. Diese ist eine "Parodie", also die Umwandlung einer seiner ursprünglich weltlichen Kantaten - zum 24. Geburtstag des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen - in eine Kirchenkantate zum Ostermontag mittels eines neuen Textes. Dabei wird dem unbekannten Textdichter bescheinigt, sich seiner Aufgabe "mit einigem Geschick" (Alfred Dürr) entledigt zu haben. So wird der Dialog der beiden allegorischen Gestalten "Glückseligkeit Anhalts" und "Fama" aus der Vorlage umgedeutet in einen Dialog der "Hoffnung" (Tenor) und der "Furcht" (Alt), die - in Nachgestaltung des Tagesevangeliums vom Gang der Jünger nach Emmaus (Lk 24,13-35) - aus gegensätzlichen Affekten heraus um Tod und Auferstehung Jesu debattieren. Der ursprüngliche Schlusssatz wurde durch eine Choralstrophe ersetzt und als Eingangschor an den Anfang der Kantate gestellt. Auch in diesem wird die fürstliche Geburtstagshuldigung zur christlichen Osterbotschaft umgestaltet und der neue Text passt sich geschmeidig der Musik an. So betonten lange Haltetöne in den einzelnen Stimmlagen die Verben "leben" und "ewig" in der Textzeile "Es lebe Fürst Leopold ewig beglückt". In der entsprechenden neuen Zeile "Es lebet der Heiland und herrschet in euch" machen die ebenso betonten Wörter "lebet" und "herrschet" den Kern des Osterglaubens aus, den die Kantate entfaltet. Der Prediger Andreas Haerter ist Propst der Propstei Pasewalk des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises.
Mitwirkende: Johannes Gebhardt, Orgel; Bogna Bartosz, Alt; Ulrich Cordes, Tenor; Johannes Happel, Bass; Helga Günther, Orgelcontinuo; Chor und Orchester der Greifswalder Bachwoche; Leitung: Frank Dittmer


Im Konferenzraum der Universität wird um 11.30 Uhr das Verhältnis von "Kirche, Kirchenmusik und dem Theatralischen" erörtert. Der Theologe Johannes Michael Modeß stellt in seinem Vortrag die Fragen: Ist Gott ein Schauspieler? Darf man biblische Texte opernhaft inszenieren? Läutet die Theatralisierung der Kirchenmusik ihren Verfall ein? Fragen wie diese wurden in der Kirchen(musik)geschichte oft leidenschaftlich diskutiert: Kirche und Theater verbindet eine Hassliebe. Da predigen theaterfeindliche Geistliche gegen librettoschreibende Kollegen. Schauspieler versuchen sich gegen ihren Ausschluss vom Abendmahl zu wehren. Und opernhafte Elemente in der Kirchenmusik werden ebenso begeistert aufgenommen wie empört verschrien. Zu Bachs Lebzeiten verdichten sich die Diskurse um das Theatralische in Theologie und Kirchenmusik. Wenige Jahre vor seiner Geburt wird mit der Eröffnung der Hamburger Oper am Gänsemarkt ein etwa zehnjähriger Streit entfacht. Kurze Zeit später findet das Opernhafte durch Erdmann Neumeisters Kantatenreform sein Schlupfloch in die evangelische Kirchenmusik. Ausgehend von diesen Ereignissen versucht der Vortrag, grundlegende theologische und musikästhetische Motivationen der Theaterliebe wie der Theaterfeindschaft in der Kirchen(musik)geschichte vorzustellen.


Im Lutherhof trifft sich um 13.15 Uhr die "Gesellschaft zur Förderung der Greifswalder Bachwoche e. V." zu ihrer Jahresmitgliederversammlung. Die erste Wahlperiode ist um. Ein neuer Vorstand wird gewählt.


In der beschaulichen Kirche in Greifswald-Wieck erklingt um 16 Uhr Gioacchino Rossinis "Petite Messe solennelle". Diese entstand in den Jahren 1863/64 vier Jahre vor seinem Tod. Zu diesem Zeitpunkt hatte er seine international erfolgreiche Karriere als Opernkomponist schon lange beendet; bereits seit 1855 genoss er seinen Ruhestand in Paris. Seine als "klein" doch zugleich "feierlich" ausgewiesene Messe ist in ihrer Besetzung für Soli, Chor, zwei Klaviere und Harmonium ein typisches Zeugnis der Pariser Sakral- und Salonkultur. So kam es im Zweiten Kaiserreich unter Napoleon III. zu einer massiven Politik der Rechristianisierung, die mit zahlreichen Sakralbauten, Ordensgründungen und einer Revitalisierung der Kirchenmusik einherging. Letztere wurde auch in den elitären aristokratischen und bürgerlichen Salons gepflegt. Klavier und Harmonium - "orgue expressif" - zählten zu ihrer typischen Ausstattung und ermöglichten bei nur geringem Aufwand eine besonders farbenprächtige und abwechslungsreiche musikalische Gestaltung. Das von Rossini um ein instrumentales Offertorium und den Fronleichnamshymnus "O salutaris hostia" erweiterte Ordinarium missae besticht den heutigen Hörer denn auch durch (mondäne) Eleganz, Leichtigkeit und seine pittoreske Klanglichkeit. Mitwirkende: Christine Wolff , Sopran; Bogna Bartosz, Alt; Andr? Khamasmie, Tenor; Johannes Happel, Bass; Raik Harder, Pianoforte concertato; Susanne Dittmann, Pinaoforte di ripieno; Stefan Zeitz, Harmonium; Kammerchor Greifvocal; Leitung: Jochen A. Modeß


Die Große Kammermusik in St. Jacobi um 20.00 Uhr widmet sich in diesem Jahr dem Verhältnis von Johann Sebastian Bach und Antonio Vivaldi - und Bachs Neigung zur Bearbeitung eigener und fremder Kompositionen für neue Besetzungen. Zu Beginn erklingt ein Stück, das es eigentlich gar nicht mehr gibt. Bachs Konzert für Oboe d'amore und Orchester ist verschollen - erhalten ist eine spätere Bearbeitung für Cembalo und Orchester (BWV 1055), die Bach im Jahr 1741 vornahm. Möglich wird die Aufführung Dank einer Rekonstruktion anhand dieser Bearbeitung. In der Mitte des Programms stehen Antonio Vivaldis Violinkonzerte "Die vier Jahreszeiten". Bachs Verbindungen zu Italien gerade an Vivaldi deutlich zu machen, ist keinesfalls abwegig: Er bearbeitete viele Instrumentalkonzerte Vivaldis. Am bekanntesten sind sechs Cembalokonzerte, bei denen Bach auf Stücke aus Vivaldis Violinkonzert-Sammlungen "L'estro armonico", "La stravaganza" und "Concerti a cinque" zurückgriff. Bach schätzte demnach Vivaldis Violinkonzerte sehr und nahm sie zum Vorbild für seine eigenen Instrumentalkompositionen. Den Abschluss bildet Bachs Orchestersuite Nr. 1, die er in seinem ersten Leipziger Jahr mit dem 1701 von Georg Philipp Telemann gegründeten Collegium Musicum aufführte. Bei dieser Suite handelt es sich nicht um eine Bearbeitung, wohl aber um ein konzertantes Stück mit italienischen Einflüssen. Es musizieren Ryoichi Masaka, Oboe; das Kammerorchester der Komischen Oper Berlin; Konzertmeister und Solovioline: Gabriel Adorj?n.


Liturgisch wird es noch einmal im Dom St. Nikolai um 22.00 Uhr beim "Nachtgebet" mit Musik von Johann Christian Bach (1735-1782). Dieser jüngste Sohn Johann Sebastians war in den Jahren von 1754 bis 1762 in Italien tätig, unter anderem auch als Kirchenmusiker am Mailänder Dom. Dieser Funktion sind verschiedene kirchenmusikalische Kompositionen zu verdanken, von denen heute zwei zur Aufführung kommen, u.a. sein "Magnificat". Deutlich ist die stilistische Entfernung der Musik des Sohnes, der übrigens zu Gunsten seiner Anstellung zum Katholizismus übergetreten war, von der des Vaters zu vernehmen. - Die Liturgin und Predigerin Dr. Nicole Chibici-Revneanu wirkt als Pastorin in Groß-Bisdorf vor den Toren Greifswalds. Mitwirkende: Frank Dittmer, Orgel; Kammerchor des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaft; UniversitätsSinfonieOrchester; Jochen A. Modeß, Leitung


Zum Tagesfinale im Dom St. Nikolai, 24 Uhr, gibt es auch das Finale der Reihe von Cello-Solokonzerten, die Gregor Szramek, Violoncello, in dieser Bachwoche aufführte. Heute erklingen neben der Suite Nr. 6 für Violoncello BWV 1012 von Johann Sebastian Bach (1685-1750) - sozusagen als thematische Zugabe, Werke der itlaienischen Komponisten Giuseppe Tartini (1692-1770) und Pietro Locatelli (1695-1764). Gregor Szramek (Foto im Anhang, ohne Autorenangabe frei und kostenlos verfügbar) ist gebürtiger Mühlhäuser und hat den meisten Greifswaldern damit etwas Entscheidendes voraus, nämlich Mitbürger von Johann Sebastian Bach zu sein - auch, wenn Bachs knapp einjähriger Aufenthalt als Organist im thüringischen Mühlhausen so gar nichts mit der Wahl des Instrumentes zu tun hatte, das der neunjährige Szramek im Musikschulunterricht wählte: "Mir gefiel, dass das Cello viel größer war als die Flöte, die meine Schwester spielte." Gut, dass sich mit dem Erlernen eines Instrumentes auch die Motivation entwickelt. "Richtig Spaß" hat es dann dem 13jährigen gemacht, mit anderen im Ensemble zu spielen, auch in Mühlhäuser Kirchen, in denen schon Bach musiziert hatte. Sein Weg führte dann über die Weimarer Spezialschule für Musik zum Cellostudium an der Weimarer Musikhochschule. Seit 1992 gehört Gregor Szramek zum Ensemble des Philharmonischen Orchesters Vorpommern. Das Theater Vorpommern, zu dem das Orchester gehört, pflegt ein vielfältiges Repertoire und so wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten vielleicht etwas viele zeitgenössische Werke des Musiktheaters aufgeführt, meint Szramek. Aber da kommt sein Mitbürger von einst wieder ausgleichend ins Spiel: Für den Cellisten Szramek ist es eine "hohe Ehre", während der Bachwoche den gesamten Zyklus von Bachs sechs Solo-Cello-Suiten aufführen zu können, und zwar im besonderen Ambiente des Doms St. Nikolai zu Greifswald und zu besonderer Zeit: Von Montag bis Freitag bringt er jede Mitternacht nacheinander Bachs berühmte Solo-Werke zu Gehör, Freitagnacht noch angereichert mit italienischen Kompositionen. Der Eintritt ist frei, aber am Schluss wird für die immensen Kosten der baulichen Sanierung des Domes gesammelt. Als Szramek vor zwei Jahren erstmals diese Mitternachtsreihe bei der Bachwoche anbot, war das noch ein spannendes Experiment. Der lebhafte Zuspruch hat die Idee bestätigt. "Nur hätten es nicht ganz so viele Knöpfe sein müssen", die am Schluss im Sammelkorb lagen, meint Szramek lächelnd und hofft, dass diesmal etwas mehr für den Dom herausspringt.

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