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Bachwochen-Donnerstag: Österliche Morgenmusik, Kinderkonzerte, Bachs italienische Solokantaten, großes Sinfoniekonzert, Comedy und Mitternachtssolo
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Donata Burckhardt

Zur Geistlichen Morgenmusik im Dom St. Nikolai um 10 Uhr gibt es mit Bachs Kantate "Der Himmel lacht, die Erde jubilieret" BWV 31 Österliches: Albert Schweitzer kam bei Bachs Osterkantate ins Schwärmen: "Von der hinreißenden Art, wie er in der selbständigen und groß durchgeführten Instrumentaleinleitung den Himmel lachen und die Erde jubilieren lässt, vermögen Worte keinen Begriff zu geben." Doch auch die Worte des Textdichters Salomon Franck jubeln überschwänglich. Kühn deutet er im 5. Satz die Flucht der verängstigten Frauen vom leeren Grab am Ostermorgen (Mk 16,8) in ein Sinnbild für das neue Leben der Glaubenden um: "Ein Christe flieht ganz eilend von dem Grabe! Er lässt den Stein, er lässt das Tuch der Sünden dahinten und will mit Christo lebend sein." Der Auferstehungsglauben ist der Ursprung für das befreite Leben der Glaubenden. Für das barocke Denken ganz normal, aber für uns Heutige überraschend kommt dann auch noch das befreite Sterben in den Blick: Ausgerechnet eine Osterkantate mündet im achten Satz in Todessehnsucht: "Letzte Stunde, brich herein, mir die Augen zuzudrücken! Lass mich Jesu Freudenschein und sein helles Licht erblicken", eine Sopran-Arie, die Albert Schweitzer als verklärtes "Todeswiegenlied" bezeichnet. Dieser Eindruck entsteht auch durch Bachs Zitat der Melodie des Nikolaus-Herman-Chorals "Wenn mein Stündlein vorhanden ist" (EG 522) durch die Streicher - ein Beispiel dafür, wie frei Bach die italienischen Opern-Formen anwandte und geistlich interpretierte. Solche Zitate von Choralmelodien innerhalb einer Arie dienten dazu, den Arientext für die Gemeinde, die den anklingenden Choral selbstverständlich auswendig beherrschte, auf ihre Weise "auszulegen". Die letzte Strophe des zitierten Chorals beschließt die Kantate. Der Prediger, Professor Dr. Michael Herbst, ist Theologieprofessor und hat den Lehrstuhl für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald inne. Mitwirkende: Frank Dittmer, Orgel; Christine Wolff, Sopran; Ulrich Cordes, Tenor; Johannes Happel, Bass; Helga Günther, Orgelcontinuo; Chor und Orchester der Greifswalder Bachwoche; Leitung: Jochen A. Modeß


Es folgen die beiden Kinderkonzerte dieser Bachwoche in St. Jacobi, 11.30 Uhr und 15 Uhr:
"Johann Sebastian lernt Italienisch" - Bachs Musik nach italienischen Vorbildern Was kennen Kinder heute von Italien? Am ehesten Maccaroni und Pizza - so heißt es jedenfalls in den Texten unserer Lieder. Dabei kann man auch italienische Sprachübungen machen - bei den Pizzasorten beispielsweise. Was kannte Bach von Italien? In besonderer Weise zeitgenössische Musik, die er sich vielfach durch Bearbeitung aneignete! Und musikalische Formen wie Rezitativ und Arie, die er für seine Werke übernahm. Das zeigt dieses Konzert auch: Die Kinder singen davon und tanzen auch italienisch: Tarantella und Siciliana! Bunt geht es auch sonst zu: Zwischen Klassikern wie dem Oboenkonzert von Alessandro Marcello oder dem Italienischen Konzert von Johann Sebastian Bach gibt es allerhand musikalischen Streit: Den zwischen Rezitativ und Arie oder auch mal einen zwischen Vivaldi und Bach. Die Domkinderchöre haben viel Spaß daran, und diesmal werden sie auch noch unterstützt von einer Projektchorgruppe aus dem "Labyrinth" (Offenes Kinder- und Jugendhaus & Stadtteiltreff Greifswald), dazu von einem echten Orchester unter Leitung von Jochen A. Modeß. Die Bachwoche freut sich dabei an der Zusammenarbeit mit der "Initiative für sozialpädagogische und soziokulturelle Arbeit e.V.", Greifswald, und dem Chorverband Mecklenburg-Vorpommern. Das Projekt wird im Rahmen der Bündnisse für Bildung ("Kultur macht stark") gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.


Ab 16 Uhr wird es noch italienischer, nämlich bei der Kammermusik mit italienischsprachigen Solokantaten von Johann Sebastian Bach in der Aula der Universität. Dabei wird die 22jährige Sopranistin Donata Burckhardt erstmals als Solistin bei der Greifswalder Bachwoche auftreten, erstmals wird sie öffentlich eine Solokantate aufführen und zum ersten Mal in italienischer Sprache singen. Die Greifswalder Studentin hat erste solistische Erfahrungen schon in der Kindheit gesammelt - u.a. als "Echo" beim Weihnachtsoratorium im Chor der heimatlichen Herrnhuter Brüdergemeine, wo sie auch schon mal das Waldhorn spielt. Und auch an Konzerten der Aktion "366+1: Kirche klingt" der EKD im vergangenen Jahr hat sie mitgewirkt, sowohl in Greifswald als auch in Herrnhut. Aber der ganz große Schritt zur Solokarriere liegt erst noch vor ihr: In der Zukunft hofft sie auf ein Gesangsstudium an einer Musikhochschule. Dieser Wunsch ist während ihres Musikstudiums am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft in Greifswald herangereift, das sie derzeit neben dem Studium der Kommunikationswissenschaft absolviert. Im Fach Gesang wurde sie von Johannes Happel betreut, der als Solist selbst eine der tragenden Säulen der Greifswalder Bachwoche ist. Was man da so lernt? Naja, zu den Feinheiten des künstlerischen Singens gehöre es u.a., den Ton "nicht zu breit" werden zu lassen. Dagegen hilft dann das leichte Zusammenziehen der Lippen, von Laien auch als "Sängerschnute" bezeichnet. Mit Hilfe solcher Fertigkeiten und dank ihres Gesangstalents hat Donata Burkhardt derartig große Fortschritte gemacht, dass ihr Johannes Happel anbot, mit ihm das Bachwochen-Kammerkonzert mit Bachs selten aufgeführten italienischsprachigen Solo-Kantaten zu bestreiten. Von ihrer Sopran-Kantate "Non sa che sia dolore" (BWV 209) ist Donata Burckhardt begeistert: "Vor allem die erste Arie ist so schön, sehr traurig und sehr innig. Es geht ganz viel um Liebes-Schmerz, aber dann löst es sich doch auch wieder tänzerisch auf." Und wer weiß, vielleicht steht dieses Bachwochen-Konzert am Anfang einer großen Laufbahn? Dass die bekennende Herrnhuterin dabei nicht abhebt, zeigt ihr ganz persönliches Engagement für die Jugendarbeit der Brüdergemeine: Im Oktober macht sie wieder mit im Leitungsteam bei der "Herbstwerkstatt" für 70 Jugendliche.


Ein Sinfoniekonzert steht im Zentrum des Abends: Um 20 erklingen im Dom St. Nikolai Werke von Medelssohn und Respighi. Mit der Renaissance wurde Italien zum Mittelpunkt der kulturellen "Erneuerung". Künstler aus ganz Europa reisten nach Italien, um sich dort fortzubilden und inspirieren zu lassen. Das Philharmonische Orchester Vorpommern unter der Leitung von GMD Golo Berg spürt mit seinem Konzertbeitrag zur diesjährigen Bachwoche dem Sehnsuchtsgedanken des 19. und 20. Jahrhunderts nach. Felix Mendelssohns "Italienische Sinfonie" entstand zu großen Teilen in Italien, wohin er zu Studienzwecken gereist war. Inspiriert "von den Ruinen, den Bildern, der Heiterkeit der Natur, am meisten der Musik" entsteht 1831-33 eine Sinfonie, die auf den ersten Blick ganz dem italienischen Flair Rechnung trägt, bei näherem Hinsehen aber ebenso Mendelssohns großem Vorbild Johann Sebastian Bach verpflichtet ist. Namentlich der zweite Satz der Sinfonie trägt in Gestus und Satztechnik barocke Züge. Ottorino Respighi musste nicht erst in das Land der Sehnsucht reisen - er lebte in Rom, als seine "Pinien von Rom" 1924 entstanden. Bei aller Bildhaftigkeit und Klangfülle der Komposition schimmert auch hier Respighis intensive Auseinandersetzung mit Renaissance- und Barockmusik durch die Zweige seiner groß orchestrierten Bäume.


Musikalischer Humor gehört seit Jahrzehnten zur Bachwoche: Diesmal ist es nicht der sagenhafte "allerletzte" Bachsohn P.D.Q. Bach, der musikalische Lachsalven auslöst, sondern "die" italienische Oper selbst: Johannes Michael Modeß liest aus dem "Heiteren Opernführer" von Karl-Heinz-Klöpper (1930-2012) einige nicht ganz ernstzunehmende Anmerkungen zu: "Der Barbier von Sevilla", "La Boh?me" und "Don Giovanni" und Jochen A. Modeß garniert die Lesung mit entsprechenden italienischen Bach-Opernimprovisationen. In der Aula des Instituts für Kirchenmusik und Musikwissenschaft um 22 Uhr.


Zum Tagesausklang sorgt Gregor Szramek, Violoncello, wieder für Meditative Musik zum Tagesausklang mit Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 5 in c-Moll für Violoncello BWV 1011

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