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Bachwochen-Mittwoch: Morgenmusik für alle, Vortrag, Allerneuste Recorder-Musik, ein Cembalo-Star, Original mit Bearbeitung und - Mitternachtssolo
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Prof. Dr. Matthias Schneider

Nachdem die Reihe der "Geistlichen Morgenmusiken" am Dienstagmorgen mit einer sensiblen Aufführung der Bach-Kantate "Nun komm der Heiden Heiland" (BWV 61)im Dom St. Nikolai begonnen hat, sind ab Mittwoch wieder die chor-erfahrenen Bachwochenbesucher selbst am Zuge: Wer jeweils am Vorabend 18 Uhr bei einer Mitsingprobe dabei war, kann bis Sonntag an jedem Morgen selbst als Chorsänger(-in) mitwirken. Am Mittwoch früh singt dieser Projektchor mit Gesangssolisten und dem Bachwochenorchester unter Leitung von KMD Prof. Jochen A. Modeß zum ersten Mal im Dom St. Nikolai, 10.00 Uhr, in der Geistlichen Morgenmusik. Und dem Motto der Bachwoche "Bach und Italien" entsprechend bringt die Predigerin, Pastorin Meike Bendig aus Lübeck, reiche Italienerfahrung mit, die sie auf einer Auslandspfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) fün Jahre lang in Genua erworben hat.


In doppelter Funktion wird Prof. Dr. Matthias Schneider am Mittwoch zu erleben sein, als Organist und als Vortragender. Der Greifswalder ist Deutschlands oberster Orgelfreund! Vor kurzem wurde er zum Präsidenten der internationalen "Gesellschaft der Orgelfreunde" (GdO) gewählt, der mit rund 5.500 Mitgliedern wichtigsten Vereinigung von Menschen, die der "Königin der Instrumente" verbunden sind, sei es als Orgelbauer, als Orgelliebhaber oder natürlich als Organisten, Orgellehrer und Orgelwissenschaftler - drei Professionen, die der neue Vorsitzende in sich vereint. Der Greifswalder Uni-Professor für Kirchenmusik (mit Schwerpunkt Künstlerisches Orgelspiel und Improvisation) leitet auch die von ihm begründete "Greifswalder Sommerakademie Orgel" und ist sowohl als Interpret als auch als Musikwissenschaftler gefragt. Was er erforscht, kann man hören: Bachsche Orgelkompositionen hat Schneider vielfach auf historischen Orgeln gespielt, die auch der Meister nutzte. Dieser Dialog mit dem Instrument erschließe mitunter ganz neue Facetten der Komposition, berichtet Schneider, etwa, "wenn eine Orgel auf ihre Weise atmet und so das Tempo zeigt, in dem man das Stück spielen soll." Aus dem Dialog mit der Orgel werde so ein "Trialog" zwischen Komponist, Instrument und Interpret. Noch spannender wird dieser Trialog, wenn Schneider zur Bachwoche die italienischen Wurzeln Bachs vorstellt: "Als der junge Bach begeistert Vivaldis virtuose Orchesterwerke studierte, hat er wohl zunächst gedacht: 'Wie kann ich das auf meinem Instrument umsetzen?'" Wer in diese "Werkstatt" Johann Sebastians hineinhören will, kann das bei der Aufführung von Original (mit dem Bachwochenorchester) und Bearbeitung (Matthias Schneider an der Domorgel) in ein und demselben Konzert tun, am Mittwoch 22 Uhr im Dom St. Nikolai!
Und wer das alles erst einmal vom Fachmann erläutert haben möchte, dem wird dies ebenfalls von Professor Schneider ermöglicht, mit dem Vortrag "...nach Italiaenischen Gusto" - Bachs Italienerfahrung und ihre Spuren in seinem OEuvre - im Konferenzraum der Universität am Mittwoch um 12 Uhr.


Der Abend ab 20 Uhr gehört mit Anderas Staier einem internationalen Star der Alten Musik. Der Cembalo-Virtuose wird Werke von Bach sowie von französischen und italienischen Komponisten spielen. Wegen des großen Publikumsinteresses wird dieses - wegen des nicht sehr lautstarken Instruments eher intime - Kammerkonzert zwar in der Jacobikirche stattfinden, aber in ungewöhnlicher, konzentrierender Sitzordnung. Die Stuhlreihen sind im Kreis angeordnet, der Interpret spielt in der Mitte.


Ganz andere Klänge bietet zuvor das Kammerkonzert in der Aula der Universität, am Mittwoch um 16 Uhr: "Neue Musik für Blockflötenensemble"
Wer wie viele Kinder die allerersten Erfahrungen mit dem eigenen Musizieren auf einer Blockflöte gemacht hat und dies mit der Erinnerung an das mehr oder weniger wohlklingende Ensemblespiel im Blockflötenchor verbindet, wird seine Vorstellung von einem "Blockflötenensemble" hier radikal ändern müssen. Das 2009 gegründete PRIME Recorder Ensemble ("Recorder" ist das englische Wort für Blockflöte!) mit jungen Instrumentalisten aus ganz Europa hat es sich unter Leitung von Antonio Politano zur Aufgabe gemacht, ein ganz neues Repertoire für solche Ensembles anzuregen. Etliche zeitgenössische Komponisten haben sich schon davon inspirieren lassen und dabei das Besondere dieses Holzblasinstrumentes erkundet. So erläutert der Komponist Pasquale Corrado sein Stück "Spray": "Ich habe mich darin geübt, Zeit und Raum zu konstruieren und zu dekonstruieren, dabei immer die Wahrnehmungssphäre in Betracht ziehend, das Stück mit einem schnellen und plötzlichen, schweren und heftigen Atem füllend." Man ahnt es: Das klassische Klangbild wurde erweitert, mit verschiedenen Arten von Windgeräuschen, Echos, perkussiven Gesten, mit Live-Elektronik und innovativen Instrumenten - schon der Anblick der riesigen Paetzold-Bässe verheißt einen völlig neuen Blockflöten-Sound! Und wer weiß, ob am Mittwoch in Greifswald nicht Musikgeschichte geschrieben wird: Auf dem Programm steht mit "Le forme della solitudine" von Carmine Cella die nächste Uraufführung eines vom PRIME Recorder Ensemble initiierten Werkes.


Nach so viel Klang an einem Tag mag es manchem eine Erholung sein, um Mitternacht im Dom St. Nikolai einfach nur ein einziges wundervolles Solostück zu hören: Die tägliche "Meditative Musik zum Tagesausklang" bietet um 24 Uhr Johann Sebastian Bachs Suite Nr. 4 in Es-Dur für Violoncello BWV 1010 mit Gregor Szramek, Violoncello.

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