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Bachwochenmittwoch, 6. Juni 2018
Alles Bach: ältestes Denkmal, ernste Parodie und fröhlicher Unsinn
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Prof. Dr. Matthias Schneider
interpretiert Mendelssohns
historisches Orgelkonzert

Die Geistliche Morgenmusik um 10 Uhr im Dom St. Nikolai zeigt, welche Probleme Bach-Interpreten mitunter zu lösen haben: Beim Eingangssatz der dabei aufgeführten Kantate "Singet dem Herrn ein neues Lied" BWV 190 gab es die Schwierigkeit, dass davon nur noch die Original-Noten für Chor und zwei Violin-Stimmen existieren. Also hat der Bachwochenleiter KMD Prof. Jochen A. Modeß nicht nur als Dirigent, sondern auch als Komponist daran gearbeitet und die Stimmen des restlichen Orchesters ergänzt!

Das umgekehrte Problem gab es für den Bachwochenleiter beim unvollendeten Oratorium "Christus: Erde, Hölle, Himmel" von Felix Mendelssohn Bartholdy, zu hören als Abschlusskonzert am Sonntagabend. Zur Ergänzung hat er auf originale Musik Mendelssohns zurückgegriffen, aber es gab kein Libretto, also keinen Text für die fehlenden Teile. Daher hat er, nach Mendelssohns ursprünglichem Plan, u.a. Teile eines "apokryphen" Evangeliums verwendet, des Nikodemus-Evangeliums aus dem zweiten Jahrhundert, das sich nicht in der Bibel findet. Was es damit auf sich hat, erläutert der Greifswalder Neutestamentler Prof. Dr. Christfried Böttrich in seinem Vortrag, 11.30 Uhr im Lutherhof, Martin-Luther-Straße 8: "Durch die Hölle zum Himmel - Biblische und apokryphe Texte in Mendelssohns Christus-Oratorium."

Bei der Leipziger Thomaskirche, Wirkungsstätte des Thomaskantors Johann Sebastian Bach, steht das weltweit älteste Bach-Denkmal aus dem Jahr 1843. Gestiftet hat es Felix Mendelssohn Bartholdy, damals nicht nur als Komponist berühmt, sondern auch als Orgelvirtuose. Zur Finanzierung gab er am 6. August 1840 in der Thomaskirche ein Orgelkonzert mit Werken Bachs und eigenen Improvisationen. Die Vorbereitung war intensiv: "Ich habe mich aber auch 8 Tage lang vorher geübt, dass ich kaum mehr auf den Füßen grade stehen konnte und nichts als Orgelpassagen auf der Straße ging", schrieb er später. Der Greifswalder Hochschullehrer für künstlerisches Orgelspiel, Prof. Dr. Matthias Schneider, wird heute (16 Uhr, Dom St. Nikolai) dieses Orgelkonzert rekonstruieren und dabei auch der Mendelssohnschen Improvisation nachspüren.

Um 18 Uhr sind wieder spontane Chorsängerinnen und -sänger zur Mitsingprobe eingeladen, diese eine Mal nicht (!) im Lutherhof, sondern gleich in der Nähe, in der Medienwerkstatt des Caspar-David-Friedrich-Instituts, Bahnhofstr. 50! Mit dieser Probe besteht die Gelegenheit, am nächsten Morgen im Projektchor gemeinsam mit hervorragenden Solisten und den Musikern des Kammerorchesters der Komischen Oper Berlin die Kantate des Tages aufzuführen.

Eine "Parodie" ist nicht immer das kabarettistische Nachahmen von Politikern, sondern auch ein klassisches kompositorisches Verfahren, das vor allem Johann Sebastian Bach immer wieder für seine Kirchenmusik anwandte: Vorhandene Musik weltlicher Kantaten verwendete er erneut für Kirchenkantaten, u.a. im berühmten Weihnachtsoratorium. Dasselbe Verfahren hat der Bachwochenleiter KMD Prof. Jochen A. Modeß genutzt, um Bachs "kleine" Missa g-Moll BWV 235 zur "großen" Messe g-Moll zu erweitern. So entstand eine "Missa tota", im Bauplan und im Entstehungsprozess ganz ähnlich der großen Messe in h-Moll. Aufführung im Dom St. Nikolai um 20 Uhr.

Dagegen ist selber schuld, wer die Ankündigung von Musik das "allerletzten" Bach-Sohns P.D.Q. Bach ernst nimmt. Das ist reinster musikalischer Unsinn, aber selbstverständlich auf höchstem Niveau! "The Best of P.D.Q. Bach" um 22 Uhr im Lutherhof, Martin-Luther-Str. 8

Im Dom St. Nikolai gibt es um 24 Uhr die allmitternächtliche "Meditative Musik zum Tagesausklang" mit der Sonate B-Dur für Orgel op. 65, Nr. 4 MWV W 59 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Es spielt der Dozent für Orgel, Jazzklavier und Cembalo am Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft der Universität Greifswald, Johannes Gebhardt.

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